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kugelschreiber

____________Werner Hawa____________

 

Tag der Arbeit

Ich stehe so vor mich hin und habe keine, speziell auf ein Thema gerichteten, Gedanken.

Gesäubert wurde ich schon und warte nun auf die Ereignisse, die da auf mich zukommen mögen. Viele Menschen sind in dem Raum nicht anwesend, das finde ich gut, denn da habe ich nicht viel zu tun.

Eigentlich langweile ich mich.

Wenn ich daran denke, was für ereignisreiche Tage ich hier schon erlebt habe!

Aber jetzt, zu diesem Zeitpunkt.....

ABSOLUT NICHTS LOS!

Nanu?

Was soll ich denn mit Papier und Zellophan anfangen?

Ah, gut, die nette Frau, die mich immer säubert, nimmt es gleich wieder weg. Der Mann, welcher sich immer eine Zigarette anraucht und sie dann vergisst, hat das Zellophanzeugs dorthin geworfen, wo es nicht hingehört.

Dieser Mann!

Immer bekomme ich den Rauch seines Tabakgenussmittels ab und er hat nichts davon. Na ja, eigentlich ist das nicht mein Problem, aber ich werde schmutzig für nichts und wieder nichts. Könnte ich in seiner Sprache sprechen, so würde ich wegen dieser Verschwendung protestieren. Aber heute nimmt die nette Frau seine Zigarette und raucht sie fertig. Als sie jene zu Ende geraucht hat, säubert sie mich sofort wieder.

Wahrscheinlich ist auch ihr langweilig.

Der Zigaretten verschwendende Mann ergreift mich und möchte mich einem anderen Mann, einem Gast, an den Kopf werfen!

HIILFE!!!

Ich atme auf, als er, zum Glück, dieses Vorhaben nicht ausführt, mich zurück auf meinen Platz stellt und im Verein mit seinem vermeintlichen Opfer zu lachen beginnt.

Menschen sind seltsame Wesen!

Dies möchte ich, mit allem Nachdruck, einmal gesagt haben!

Und ich habe mich beklagt, dass heute absolut nichts los ist. Gut, ich nehme es zurück, denn ich sehe schon die nächste Bedrohung auf mich zukommen:

Ein Betrunkener Mann dämpft schon das zweite Mal seine Zigarette in mir aus und schiebt mich dabei immer näher an den Rand der Theke. Doch bevor ich den Flug in Richtung Fußboden antrete, rettet mich die nette Frau. Sie nimmt und trägt mich zu einem dunklen Loch. In jenes bürstet sie die Asche der Zigaretten. Sie nimmt einen Pinsel, kitzelt mich gewaltig und stellt mich aschelos wieder zurück. Doch nicht in die Nähe des Betrunkenen, sondern auf einen Platz, der weit entfernt von diesem unerfreulichen Zeitgenossen liegt. Ich werde auf einen der Lokaltische gestellt und mein Freund Fred, den ich schon aus der Verpackung, in der wir in dieses Lokal geliefert wurden, kenne, nimmt meinen Platz an der Theke ein. Wahrscheinlich denkt die nette Frau, dass es bei ihm weniger ausmacht, sollte er am Fußboden zerschellen, da er schon einen Sprung im Glaskörper hat. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an den Tag, an dem Fred zum Invaliden wurde.

Wir standen nebeneinander auf der Theke und diskutierten über Einsteins Theorie der Zeit, als eine zornige Frau ihn nahm und nach ihrem Mann warf. Die Beiden waren Gäste in dem Lokal gewesen, in dem Fred und ich Dienst versahen. Mein Verpackungsfreund flog mit hohem Tempo durch die verrauchte Luft, verfehlte den Kopf des Mannes, den die Frau hatte treffen wollen und landete unsanft an der Wand. Ich hörte nur ein leises "Knacks" und wusste sofort, dass Fred nun zum Aschenbecherinvaliden geworden war.

Trauriger, armer Fred....  

Mir selbst ist es in dem Lokal bisher immer gut ergangen, denn ich wurde aus den Gefahrenzonen der Gaststätte (Ränder von Tischen und der Theke, Betrunkene, rabiate Menschen beiderlei Geschlechts und Kindern, die sich langweilen) immer entfernt.

Was soll denn DAS nun wieder?!

Ich finde diese Frau ja nett, aber kann ihr bitte jemand eine Beschäftigung verschaffen?

Was weiß ich, servieren, mit den Gästen ein Gespräch führen oder von mir aus die Gesamtanzahl der Gabelzinken im Lokal feststellen. Irgendwas eben, denn sie trägt mich schon wieder zu dem dunklen Abgrund und kitzelt mein Inneres mit dem Pinsel, obwohl ich im Moment keine Asche in mir habe! Fred kennt meine Angst, die ich vor diesem dunklen Höllenloch habe. Deshalb finde ich sein Gelächter, das ich nun höre, äußerst unpassend und dumm. Es hat nämlich unangenehme Folgen, sollte ich dort hineinfallen. Einer unserer Kollegen hat schon die Fahrt in diesen Schlund unfreiwillig angetreten. Xaver, der Aschenbecher mit dem Aufdruck einer Münchener Brauerei, unternahm ohne seinen Willen die Reise in den Höllenschlund. Nachdem ihn der Mann, der so gerne seine Zigaretten in uns vergisst, aus dem dunklen Loch herausgeholt hatte (nebenbei: er hatte ihn auch hineinfallen lassen, nachdem er ihn mit dem Pinsel gekitzelt hatte), war Xaver nie mehr der lustige und intelligente Ascher, wie wir ihn zuvor gekannt hatten.

Außerdem roch er unangenehm.

Man konnte sagen: ER STANK.

Die nette Frau wusch ihn in einem silbernen Becken mit einem Küchenschwamm ab und steckte ihn anschließend in eine höllisch laute Maschine.

Xaver roch danach besser (sogar ein bisschen nach Zitrone), doch war er nicht mehr derselbe, wie schon gesagt. Jetzt steht er hoch oben auf einem Regal und wird nur mehr bei größeren Feiern heruntergeholt. Unter uns gesagt, es ist auch besser so, dass er dort hinauf  "verbannt" wurde, denn seit diesem Vorfall redet er immer so komisch daher. Er erzählt immer davon, dass in dieser Maschine, die so lärmt und in welche er gesteckt wurde, ein Karussell gewesen ist und heißer Schaum, in großen Mengen, seinen Körper umspült habe, während er mit hoher Geschwindigkeit im Kreis gefahren war. Eigentlich hat es ihm so viel Spaß da drinnen gemacht, dass er am Liebsten sofort noch einmal in den dunklen Abgrund geworfen werden wolle. Er sei ab nun ein Freund des heißen Schaums geworden und Karussell fahren ist immer schon seine heimliche Leidenschaft gewesen. Ich finde, dass es schade um ihn ist, denn ich konnte mich so gut über den pythagoreischen Lehrsatz unterhalten.

Außerdem amüsierte mich sein bayerischer Akzent immer so, wenn er diese mathematische Formel und ihre logische Wahrheit pries.

Und nun schwärmt er nur mehr vom Hochgeschwindigkeitskreisfahren..

Ach, ja.....

Im Augenblick stehe ich auf einem Tisch, der für mich ein Refugium darstellt. Ein Ort der Ruhe und Meditation ist jenes Gasthausmöbel für mich, da er nur für zwei Menschen gedacht ist und deshalb nur selten von Gästen benützt wird. Außerdem steht er etwas abseits im Lokal. Sitzen Menschen an diesem Tisch, dann sehen sie nicht so gut zur Theke, hinter der das Personal arbeitet. Da dieser Umstand ihre Bestellungen erschwert, meiden sie eher die zwei Sitzplätze, die dieser Tisch bietet. Es ist für mich angenehm, nur so herumzustehen und nicht als Zigarettenablage benützt und mit Asche gefüllt zu werden. Meine Gedanken schweifen ungestört durch die verschiedensten Themengebiete, arbeiten Gedankenskizzen zu konkreten Bildern einer Vorstellung aus; es ist, kurz gesagt, eine herrliche Zeit für mich. Durch das ungestörte Sinnieren fällt mir beinahe nicht auf, dass der dunkle Abschnitt des Tages, von den Menschen "Nacht" genannt, angebrochen ist und das Gasthaus schließt. Die letzten Gäste trinken ihre Gläser leer und begeben sich aus dem Lokal.

Es wird immer stiller, die nette Frau verurteilt Kuno, das Radio, zum Schweigen, indem sie ihn abdreht. Eine Erholung für uns alle, denn sein Gerede ist fast so schlimm anzuhören, wie das Geplapper von Xaver. Er sagt zwar immer, dass die Menschen ihm die Worte, die er von sich gibt, in den Mund legen.

Doch wer traut schon jemandem mit elektronischen Innenleben? Natürlich kein vernünftig denkender, aus natürlichen Baustoffen zusammengesetzter, Aschenbecher! Nachdem sie Kuno verstummen lässt, geht die Frau durch das Lokal, sammelt uns ein und stellt uns, ineinander gestapelt, hinter die Theke. Anfangs war uns nicht verständlich, warum dies die Menschen jeden Tag zur Sperrstunde des Lokales mit uns machen. Doch dann klärte uns Alfons, der dienstälteste Aschenbecher des Gasthauses auf. Dies würde deshalb mit uns unternommen, da die Tische und die Theke zu diesem Zeitpunkt gründlich gesäubert werden. Gesäubert wie wir, die wir wieder kräftig mit dem Pinsel über dem dunklen Loch gekitzelt werden.

Dies bescherte uns ein "Aha-Erlebnis", welches uns eigentlich äußerst egal ist.

Nach dem letzten Reinigen werden wir neuerlich gestapelt. Ich bereite mich auf die Nachtruhe vor, stelle erfreut fest, dass Kreszentia in mich gestellt wurde und ich in Fred. "Zenzi", wie sie allgemein genannt wird, ist dunkelgrün, trägt die Aufschrift einer Steirischen Brauerei und hat einen sehr weiten geistigen Horizont. Ich kann mich also vor dem Einschlafen einer intelligenten Unterhaltung hingeben. Wir diskutieren fast jeden Abend, wenn wir ineinander stehen, über die fünften Einreden gegen die Meditationen des Philosophen Descartes. Ein Stoff, der wie geschaffen dafür scheint, nach einem Tag als Lokalaschenbecher einen gelungenen, intellektuellen Abschluss zu bilden. Es ist eine gute Übung, für das Gedächtnis und die Formulierungskunst, sich vor dem Einschlafen mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Unsere Unterhaltung wird von dem leisen Klirren und Schnarchen Freds untermalt. Nach und nach verlieren sich unsere Worte in der Müdigkeit und werden unverständlich. Schließlich verabschiedet sich unsere Denkfähigkeit in das Reich der Träume und ich schlafe ein.

Am Beginn des nächsten hellen Zeitabschnittes werde ich durch eine Fahrt durch die Luft geweckt. Zuerst erschrecke ich, da ich glaube, dass ich nun das Schicksal Freds teilen werde, weil man mich an die Wand schleudern will. Die Verursacherin meines Schreckens ist die Putzfrau, welche mich schwungvoll zufällig wieder auf den kleinen Tisch, mein Refugium der Ruhe, stellt. Als ich mich erfreut umsehe, stelle ich fest, dass die gesamte Aschenbecherpopulation des Gasthauses vollzählig und unbeschadet die Nacht überstanden hat. Kuno wird eingeschaltet und lässt uns leicht Unterhaltungsmusik hören. Mit verschlafenem Gesichtsausdruck kommt die nette Frau in den Gastraum und begibt sich hinter die Theke.

Durch die Fenster des Lokales schaut der neue Tag herein und schickt Sonnenstrahlen als Botschafter eines neuen Tagesbeginnes.

Übrigens: Mein Name ist Wolfram, erfreut Sie kennen zu lernen! Bitte kein Zellophan oder Papier in mich hineinwerfen, danke.

Vita von Werner Hawa

»Mein Name ist Werner HAWA. Ich bin zweiundvierzig Jahre alt und habe nach meiner Pflicht-schulzeit (neuntes Schuljahr in der Bundesfachschule für Flug-technik) den Beruf eines Hand- und Maschinensetzers erlernt. Als ich die Lehrabschluss-prüfung erfolgreich abgelegt hatte, verpflichtete ich mich für längere Zeit beim Öster-reichischen Bundesheer.

Da ich aber, in meiner jugend-lichen Ungeduld glaubte, irgend-etwas im Leben zu versäumen, unterbrach ich öfter die Heeres-zeit, um diverse, zivile Berufe auszuüben. Der Setzerberuf war 1982, meinem letzten Lehrjahr in vollständigem Umbruch begriffen, daher arbeitete ich in unter-schiedlichen Berufen während ich vom Heer weg war.

Vom Möbelpacker über den Beruf eines Bediensteten einer Sicherheits-firma, bis zum Angestellten bei der Firma Alcatel, habe ich verschiedenste Berufe ausgeübt. Als mir im Jahre 2002 die Aorta beim Herzeingang abriss, mir die Ärzte in einer 15stündigen Operation im Wiener AKH das Leben retteten und ich nun be-fristet (bis Ende 2006) in Pension bin, dachte ich, dass es für mich eigentlich nichts Schöneres gibt, als Bücher zu schreiben.

Meine Erfahrungen, welche ich in den verschiedenen Berufen gesammelt habe, kommen mir bei dieser literari-schen Tätigkeit zugute. Da ich, bis auf meinen zweiundsiebzigjährigen Vater keine familienangehörigen habe, meine Mutter starb im Jahre 2004, im Alter von 62 Jahren, kann ich mich mit voller Kraft auf das Schreiben konzentrieren. Nun verwerte ich das, was mir schon in der Schule, beim Schreiben von Straf- und Deutschaufsätzen zugute kam: mein Talent, literarisch tätig zu sein!«