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kugelschreiber

____________ Ursula Schöbe ____________


»Das Gedicht ist kein Geistesblitz,
das Gedicht ist eine emotionale Eingebung,
die aufgeschrieben werden muss!«


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Beitrag entnommen aus
»Das Gedicht lebt«
Ausgabe 2009
R.G.Fischer Verlag

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Wärst du doch ZEUS, Geliebter –
du würdest wandeln dich, ich ahn’s.
Und wäre es nicht die Gestalt des Schwans,
der seiner Leda sich gestellt,
um sie zu lieben,
– im Federkleid verberge sein wahres Antlitz er der Welt:
du kämst als Falke mir!
Und könntest triumphieren über
jene Zwerge!

Mein Blick folgt jeden Tag dem kühnen Flug
des Vogels, der so pfeilgeschwind das
Blau des Himmels und die Wolken
teilt.
Manch einen Augenblick am First verweilt,
um gleich darauf,
eins mit dem Wind,
mit schrillem Schrei
sein Freisein zu verkünden.
Wir hören beide es,
um in Gedanken uns zu finden …

Und beide haben wir des Leids genug.

1971

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O Sonnenlicht in Himmelsbläue –
wie sehne ich mich, dich zu sehn!
Wie sehr verlangt’s mich, dem Verliese,
und sei es kurz nur, zu entgehn!

Wie stark drängt es mich dir entgegen,
schnell eile ich, wenn’s mir gewährt,
zu dir, zu deinen warmen Strahlen,
danach mein Sein sich ganz verzehrt!

Wie bange ich nach den Minuten, da ich dich
manchmal trinken kann.
Bleibst du einmal dem Blick verborgen,
so bete ich die Wolken an!

Denn du bist da! An jedem Morgen, den neu zu sehn
du mir vergönnst,
weiß ich, dass du, gerechte Sonne,
jedem das Gleiche zuerkennst:

Reich und arm, frei und gefangen –
du weißt keinen Unterschied!
Gelassen, heiter gibst du allen …
Dafür zum Dank dir dieses Lied.

1971

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Ach, Wonnemonat Mai mit deiner Frühlingspracht –
ich hab dich heut gesehn – du hast mich angelacht!
Mein Herz ward mir so schwer und auch so sehnsuchtsvoll,
doch –
Tränen nützen nichts.
Ich weiß es wohl …

Von allen abgetrennt und immer nur allein,
da kann ein Mensch doch nur voll Hoffnung sein,
dass irgendwann einmal das TOR sich öffnet weit
und dass dann wieder
Frühlingszeit!

1971

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Ist der Tag auch grau und trüb,
fließt so zäh wie Sirup hin,
schreibt dir jemand:
»Hab’ dich lieb«,
wird gleich leichter dir der Sinn.

Wie viel Kraft und wie viel Mut
schöpft man doch aus lieben Zeilen:
»Bleib gesund … wird alles gut …
und die Zeit wird auch enteilen …«

Tausendmal wird es gelesen,
Lächeln, Tränen sind dabei,
weil vom Guten wie vom Bösen
gleicherweis’ berichtet sei.

Jedes Wort und jede Zeile prägt sich
tief in Kopf und Herz.
Und man weiß: Wie jede Weile
so vergeht auch jeder Schmerz!

1971

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Wieder ein Tag vergangen
in Mauern eingesperrt.
Zwischen Hoffen und Bangen wird der Kelch
geleert.

Denken an das Leben –
grübeln ohne Ziel?
Nein, alle Schuld vergeben, die uns
kränken will!

Wen die Götter lieben, züchtigen
sie auch!
Ist uns doch geblieben noch
des Lebens Hauch.

Kommen muss das MORGEN und wird
herrlich sein:
Ledig aller Sorgen und
… nicht mehr allein!

Im Einzelhaft am 10. Mai 1971

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VORBEI! Endlich vorbei!
Der ungeheure Druck – er ist gewichen.
Der Körper ist gefangen zwar,
jedoch der Geist, die Seele endlich wieder frei!
Mit einem Schlag sind Qual und Ängste fast verblichen …

Ich lebe, atme wieder ohne Angst, denn nichts
kann mehr geschehn, was nicht geschehen ist.
Mein Herz, wie sehr du dich auch bangst,
sei ruhig:
Du weißt, wie sehr geliebt du bist!

Die Zeit?
Wer misst sie nach, wenn vor
dem höher’n Ritter einstens wir erscheinen?
Viel wicht’ger ist, dass wir
vor IHM nicht schwach.
Wenn wir auf Erden hier
auch um verlorne Freiheit weinen.

Nach der Verurteilung am 25. Juni 1971



Über die Autorin:


Ursula Schöbe, 1928 in Klingenthal/Vogtland geboren, 1946 »Notabitur«, bricht ihre Ausbildung zur Junglehrerin ab, um den Eltern ihres zukünftigen Ehemannes auf deren Hof zu helfen. Ab der Heirat 1960 Mitarbeit in der Tierarztpraxis des Ehemannes, 1970 Planung der Flucht nach Westdeutschland, um den beiden Söhnen ein Studium zu ermöglichen. Festnahme, Verurteilung zu 7 Jahren Freiheitsstrafe. Nach 5 Jahren von der Bundesrepublik freigekauft, Niederlassung in Baden-Baden, 1995 Umzug nach Berlin. Beide Söhne haben studiert und sind Ärzte geworden.