____________ Judith Richle ____________
»Gedanken und Gefühle kennen keine Zeit und aus dem Nichts
entsteht Kreativität.«

Des Schreibens pure Freude
Gefühle fliessen, aber wie
bringt’s der Künstler aufs Papier?
Zwei, drei Zeilen nur
Er stockt, er ringt, verzweifelt fast.
Dann legt er sich aufs Ohr,
vielleicht kommt sie wieder,
des Schreibens pure Freude.
* * *
Nicht wahr
Glück kommt von ungefähr
Aufregend wie fallendes Laub
Dir kann nichts geschehen
Dir kann alles geschehen
Keine Angst zu fallen
Das Grau vom Himmel kratzen
Watteweiche Wolken ziehen dahin
Das Rauschen des Windes im Ohr
Schneeflocken auf den Wimpern
Das Herz sperrangelweit offen
Die Welt verändert sich
Die Welt, das bist du
* * *
Vielleicht
bleibt die Zeit einfach stehen
Manchmal ist die Zeit
federleicht wie ein Schmetterling
Manchmal ist die Zeit
bleischwer wie ein nebelverhangener Tag
Vielleicht nimmt man sich Zeit
bleibt die Zeit dann einfach stehen
Vielleicht
Zeit verliert sich an jeder Strassenecke
an den Wind, an eine Wolke, ans Leben
Der Frühling zupft an deinem Ärmel
mit einem Lächeln in den Augen
zwinkerst du den Jährchen zu
Die Zeit wirft keine Schatten
Gedanken nur.
* * *
Schlaflos
Gedanken drehen im Kreis
Stürzen hinab wie Falken im Flug
Schnellen hinauf wie Pfeile des Bogens
Ruhelos
Gedanken bewegen im Raum
Schweben dahin wie Blätter im Wind
Treiben davon wie Wolken am Himmel
Endlos
Gedanken verblassen im Traum
Verlieren sich in der Tiefe des Schlafs
Kommen zurück im Licht des Morgens
Atemlos
Gedanken bestimmen den Tag
Dringen ein wie Diebe ins Haus
Lassen uns niemals zurück
Gedankenlos
* * *
Was
Wenn der Sturm durch die Wälder peitscht
Grau und düster die Wolken am Himmel stehen
Das Leben an dir vorübergeht
Was
Wenn der Herbst die Blätter färbt
Sie müde zur Erde fallen
Das Leben sich anfühlt wie nasses Laub
Was
Wenn der Wind leise über die Hügel streift
Die Wolken sanft und leicht vorüberziehen
Das Leben an dir vorbeigeht
Was
Wenn alles vergeht
Das Gestern
Das Heute
Das Morgen
Vom Winde verweht
* * *
Glaubst du
dass Sterben wehtut
ist der Teufel wohl böse
weil er uns vorm Himmel bewahrt
Du glaubst
alles zu wissen
Ein Narr, der glaubt
Sterben ist leicht
Jeden Tag ein bisschen
* * *
Worte sagen nichts und viel
Worte sind Reflexion
Niemals du
Worte kannst du hören
Sind sie wahr
Wahrheit suchen wir
Was soll das sein
* * *
Ein Leben
schwerelos wie fallender Schnee
weiss und unbefleckt
bizarr und einzigartig in der Form
gibt dem Tag eine kühle Helle
Ein Leben
vergänglich wie fallender Schnee
nur ein Augenblick
im Augenblick
* * *
Ich bin soeben
auf der Flucht nach Theben
zurückgekehrt ins Leben
Aber eben
ohne zu vergeben
liege ich voll daneben
Jetzt aufgeben
nie im Leben
Geben heisst überleben
in dieser Welt von wegen
Aufgeben
Was hat es dir zu geben
Dieses Leben in Theben
Erwarten, erleben
Noch mehr anzugeben
Soeben vergessen zu leben
Der Gier nach noch mehr erleben
entgegen
* * *
Buchstaben vor den Augen
sehen, lesen, begreifen
als Unterhaltung
Was, wieso, warum selber
hören, hängen und konsumieren
unsere Welt
farbig, schrill und schnell
ohne Tiefgang
Was, wieso, warum nicht
Oberflächlichkeit ist modern
so viel Fragen machen müde
überhaupt, kann man das nicht
im Internet herunterladen
Was, wieso, warum verboten
hab nicht zugehört
* * *
Begegnung
Blinkende Lichter, wartende Menschen
Gewimmel, Gewühl, pfeifend davon
Blicke, Landschaft fliegt vorbei
Du bist hier
Tropfen klatschen, nässender Regen
Missmut, Starren, Langeweile darin
Blicke, Gesicht aufmerksam geschaut
Du bist schön
Ratternde Geräusche, hastende Menschen
Reden, Belanglosigkeit, plätschert dahin
Blicke, Glück im Bauch gefühlt
Du bist bei mir
Quietschende Bremsen, haltender Zug
Ungeduld, Gedränge, verlassen, wohin
Blicke, Augen begegnen sich
Du bist fort
* * *
Liebestrunken
Wind durch die Hecken streicht
Das Herz sich nach dir verzehrt
Ein brennendes Verlangen
Pfeilspitzen in der Brust
Welch ein Leiden
Ist man verliebt
Die Sehnsucht kennt keine Grenzen
Schmetterlinge tanzen im Bauch
Dieses Zittern, dieses Sehnen
Wie mit Geisterhand
Man dir das Herz entreisst
Hol’s zurück, bevor’s vereist
Liebe dir den Atem raubt
Um den Verstand fast bringt
Voll der Erwartung
Es niemals Liebe ist
Bist du nah, bist du fern
bist mein nie und immerdar
Deine Nähe mich mit Freude erfüllt
Genauso wie die Ferne alles enthält
Trunken vor Glück in Zweisamkeit
Niemals hadere mit der Einsamkeit
Gerade in diesen Momenten
Fühle, was Lieben heisst
* * *
Obstgartennacht
Nachmitternacht, Vorsommermorgen
Mäuse in den Wangen
Obstgartennacht entschwebt
Der Dämmerung Licht versiegt
Tautropfen an Blauglöckchenkelch
Blütendolden und Holunderpfeile
Wiesenhalme in den Fahrradspeichen
Ein flüchtiger Moment, ein Glühen im Blut
Todglücklich und traurigfroh
Ein Flüstern im Gebüsch
Trägt die Liebe wohl Nachthemden
aus Nebelhauch und leuchtendem Morgenrot
* * *
Die verschneiten Berge im Licht
Schönheit kann wehtun
Die Sonne scheint warm aufs Gesicht
Dieses Licht in den Bergen
Schönheit kann wehtun
Kannst es nicht geniessen
Kannst es so nicht geniessen, so im Stress
So gefangen in den Erwartungen, keine Zeit für Ruhe
Aber der Schnee auf den Bergen
Schmilzt dahin im warmen Licht
* * *
Blätter lernen im Wind das Fliegen
Menschen, die den Sprengstoffgürtel enger
schnallen müssen, explodieren bald
Viren werden nicht mit Netzen eingefangen
Neurosen sind keine Neuzüchtung
Störenfriede stören manchmal friedlich
Schräge Vögel können nur schlecht landen
Legen sich aufrechte Bürger auch mal
ins Gras zum Träumen
Blütenköpfe unterliegen nicht der Helmtragepflicht
* * *
Taliban
Wozu braucht der Taliban
Einen Turban
Damit er sich verstecken kann
Wozu braucht ein Taliban
Einen Schnurrbart
Damit er sich als Mann fühlen kann
Wozu braucht der Taliban
Eine Kalaschnikow
Damit er töten kann
Wozu braucht der Taliban
Eine Ehefrau
Damit er Macht ausüben kann
Warum trinkt der Taliban
Keinen Alkohol
Damit er nicht vergisst, was er getan
Warum tötet der Ami den Taliban
Mit Bomben
Damit er sich selber so fühlen kann
* * *
zwischen Farne sank
im Blätterglanz
hinter Efeugerank
und Singsang Tanz
begehren und fallen
unter dem Farn verhallen
* * *
Will jemand etwas fragen
Niemand hier
Niemand dort
Niemand geht fort
Will jemand gehen
Will jemand verstehen
Will jemand etwas sagen
Niemand kennt die Antwort
Niemand weiss es besser
Will jemand etwas fragen
* * *
Dünkt uns das Sein als Wandeln in
Nebelschwaden
die Momente des Lichts und der Helle
seltsam kurz
Nach glühend heissen Sommertagen
weinen Wolken oft steinerne Tränen
den Himmel überspannt dann ein
Regenbogen
in schillernden Bahnen und berührender
Schönheit
Sehen wir Farben im gebrochenen Licht
der Regentropfen
so vergänglich wie unser Leben
* * *
Die Welt
Öffne dein Herz für alle, es hat Platz genug
für alles Leid und den Schrecken dieser
ungerechten Welt
Die Welt aber bist auch du
Also beinhaltet all dein Sein diese Welt
und
diese Welt hat Platz in einem noch so
kleinen Herzen
Öffne dein Herz für alle und es wird
riesengross
für alles Schöne und das Glück dieser
wunderbaren Welt
Ein offenes Herz ist niemals leer
die ganze Welt Platz darin findet
Die Welt aber bist du
* * *
Schwarz
funkelnde dunkle Augen
glänzend schwarzes, krauses Haar
die Haut von einem bronzenen Braun
jung und stark
was hat der hier verloren
unten in Afrika
gibt’s ja wohl genug zu tun
für solche
aber eben im Grunde
sind alles faule Hunde
taugen nichts und nehmen Drogen
rauben uns aus, schlagen
uns tot
suche jemand fürs Putzen
könnte brauchen einen
billigen Mohr
* * *
Nichts
Das Leben ist ein purpurgrüner
Seidenfaden
an dem alles hängt und der doch nichts
erträgt!
Wie schnell zerrissen, wie schnell
zerstört
des Lebens seidener Faden
Was ist es denn, was da hängt
unser kleines Sein, unsere Welt
das Allerwichtigste und das
Nichts
* * *
Nacht
Ein Himmel wie gemalt
vom Sonnenlicht überstrahlt
Ein verirrter Pinselstrich im Blau
gezeichnet, aufgedrückt und
verschmiert
Grauweisse Wolkenfetzen
angezupfte Wattebäuschchen
Wenn die Sonne sich verabschiedet
Wolkenbänder am Horizont
erstrahlen
im goldenen Licht von seltener
Schönheit
Später dann erscheint die bleiche
Scheibe
des Mondes am Himmel
Am Horizont ein letzter purpurner
Schimmer
bevor die Dämmerung der Nacht
unterliegt
Rund um den See glitzern die Lichter
der Dörfer und Städte
In der Ferne versiegender Lärm der
Strasse
Still senkt herab sich die Nacht
Friede hält Wacht
* * *
Sterben
Bleich und still liegt er in den Kissen
kämpfen für ein Leben
das keines mehr ist
Die Mutter sitzt weinend daneben
Der Vater innerlich am Beten
Alle sind hilflos und schauen betreten
in den Augen ein einziges Flehen
lasst mich doch einfach gehen
Du darfst nicht sterben
Du bist noch so jung
Das Leben aber hat anderes im Sinn
Loslassen ein schier unmögliches Ding
Ein Lächeln, ein letztes Flackern im Blick
mit der Bitte um Verstehen
das Ende immer auch
ein Anfang ist
* * *
Warum
Sie sitzen da, starren
gedankenverloren
immer in die gleiche Ecke
Am andern Tisch
diese einsame Frau
in welchem Leben
bewegt sie sich
Die rastlose Dame am
Fenster
suchend sie die Tasche
durchwühlt
Sie waren alle auch jung
und voller Ideen
Lang ist es her, fast
schon vergessen
hüpfend, hopsend voller
Lebensfreude,
nicht wahr und ohne die
Fragen
Wieso und Warum gestellt
geht wirklich alles verloren
draussen die Sonne lacht
nicht für jedermann
* * *
Unaufhörlich fallen Schneeflocken
einzigartig jede einzelne
setzen sich fest an Zweig und Ast
doch schon ein Sonnenstrahl
lässt die Pracht vergehen
Vergänglichkeit oder Übergang
Ein Wassertropf daraus entsteht
erlöst die Welt von ihrem Durst
Feuchtigkeit steigt empor
in den ewigen Kreislauf des Lebens
und aus den Wolken
fallen unaufhörlich Regentropfen
* * *
Geld
das viele Geld
gewonnen
im Lotto, was für ein Schwein
so viel Papier, in meinen Händen
Gefühle von Macht, mit der Zeit
werd ich mich gewöhnen
an dieses Leben
die Macht mir gefiel
bis allein
ich war
* * *
Bleib
Gehst du
Ohne mich
Nichts bleibt hier
Gehst du
Ohne mich
Bin ich allein
Gehst du
Bleibst du hier
Nicht mehr
Vielleicht gehst du
Ohne mich
Kannst nicht bleiben
* * *
Menschen gibt es ohne Sorgen
Gibt es Menschen ohne Morgen?
Es gibt Menschen, die kennen kein Morgen
Es gibt Menschen, die tragen
Ihre Sorgen von Ort zu Ort.
Menschen gibt es, die sagen,
Gefühle spürst du im Magen
Menschen, die sich nicht vertragen
Lösen Probleme mit Schlagen
Es gibt Menschen, die wagen
Alles, ohne zu fragen
Menschen gibt es ohne Morgen
Gibt es Menschen ohne Sorgen?
Gebt allen Menschen ein Morgen
* * *
Blumen am Wegesrand
Gestorben wird heut auf der Strasse
Täter unbekannt
Windlicht und Kreuz, fehlt nur die Kasse
Abkassieren und Leben
Das Risiko herausgefordert
Tod verpönt
Dem Gruppendruck untergeordnet
Schockiert und fassungslos
Gestorben wird heut auf der Piste
Warum bloss
Rotorblätter kreisen, verladen in die Kiste
Abenteuer erleben
Dem Kick unterstellt
Zeit vergeht
Der Wecker für alle schon gestellt
* * *
Regenbogen
Gierige Strassen fressen Autoschlangen die
brüllend und quietschend um die Kurve
flüchten
Wasser spritzt, benzingeschwängerte
Abgasschwaden
entweichen den Auspuffrohren
Dunkle Gewitterwolken überfallen den
späten Tag
Die Fahrbahn verwandelt sich in einen
dunklen Schlund
Lichter blitzen auf, Bremsen schleifen
schlitternd werden Fahrzeuge zum Halten
gezwungen
Rot wechselt mit Grün, hupend,
gestikulierend, fluchend, sitzt die Kreatur
Mensch hinter dem Rad, das die Welt
bedeutet
Der prasselnde Regen verfinstert die Zeit
Trümmer des Lichts liegen auf der Strasse
Wo aber ist das Licht der Sonne
Warum wurde die Güte der Zeit geopfert
Wer behauptet, dass der Regenbogen
nach dem Gewittersturm
die Bescheidenheit verschlingt
* * *
Glaubst du
des Papstes Anekdoten
seien besser
als des Teufels Zoten
Glaubst du
läufst in Schuhen von Geox
dabei läufst du Amok
Glaubst du
bist auf dem Holzweg
dabei war die Strasse geteert
* * *
Ein Tag von makelloser Schönheit
kommt niemals wieder
fällt in den See
des Vergessens
nicht aber verloren
den Sinn des Daseins
* * *
Ein Leben ohne Erwartungen
ist schwer
ja fast gänzlich unmöglich
Erwartungen sind da
werden sie nicht erfüllt, bleibt
da ein Hauch von Traurigkeit
Wie der Rest von Schnee in
der schattigen Mulde sich
hartnäckig hält
der Frühlingssonne trotzt
Erst wenn alles sich erwärmt
schmilzt
sie dahin, die Traurigkeit
Fliesst als Träne, als Bach
ins Tal und spendet
die Freude des Seins
die Freude des Augenblicks
die Freude des Begreifens
Gelebt als Teil der Erwartungen
gelebt als Teil vom Jetzt
in Erwartung der Nähe, der
Berührung
seltsam losgelöst vom
Geschlechtlichen
und doch voller Sehnsucht
gestillt im Erleben des
Moments
* * *
Der Morgen
Funkelnd die Himmelskörper blinken
Sternenstaub auf den Lippen glitzert
Des Mondes Helle langsam verblasst
Ins Gesicht fällt ein fahles Licht
Ein Silberstreif am Himmel
Mattbronzener Glanz im Haar
Dämmerung übernimmt die Macht
Im Ohr ein leises Flüstern nur
Erste Sonnenstrahlen am Horizont
Wolken in rotgoldenem Licht
Der Morgen an der Nase kitzelt
Zaubert ein Lächeln aufs Gesicht
Sandkorn des Traums im Augenstern
Ein Wimpernschlag des Glücks
* * *
Hat der Tod ein Gesicht
Sind Träume rund
Was ist Zeit
Fragen über Fragen
Gedanken stehlen die Zeit
Um die Ecke wartet das Leben

