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kugelschreiber

____________ Anne Graf ____________

 

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Beitrag entnommen aus
»Collection deutscher Erzähler«
Ausgabe 2009
R.G.Fischer Verlag

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Nur eine Stunde zu spät …

Es war einer dieser Tage im November, an dem es gar nicht richtig hell wurde. Grau in grau wirkte alles. Ein kalter Wind ließ die Handvoll Menschen, die dem Sarg folgten, fröstelnd erschauern. Das Totenglöckchen bimmelte dünn.
Ben starrte mit weit aufgerissenen Augen auf diesen Zug, der sich da gespenstisch seinen Weg durch die endlosen Gänge des Friedhofs bahnte. Das Kreuz zitterte leise in den Händen des Mesners. Ein Windstoß zerrte an der Soutane des Pfarrers. Ein verzweifeltes Schluchzen stieg in Bens Kehle hoch und schüttelte seinen Körper. Er war zu spät gekommen, zu spät zur Beerdigung seiner Mutter. Die Messe war vorbei, nun trug man sie bereits zu Grabe. Später würde man Ben sagen, dass man versehentlich vergessen hatte, ihn zu benachrichtigen, dass die Trauerfeier um eine Stunde vorverlegt worden war. Es ließ sich nicht mehr klären, wer dafür verantwortlich zeichnete – der Pater, das Beerdigungsinstitut …

Ben weinte, als wollte er dieses ganze Unglück durch Tränen ersticken. Anna nahm seine Hand. Sie rannten wie von Sinnen dem Trauerzug nach. Sie reihten sich vorne ein. Der Pater legte ihm beschwichtigend den Arm um die Schultern. Durch seine nassen Augen sah Ben auf den Sarg, der sich schwankend vor ihm hin- und herbewegte. Hinter ihm knarrten die Schritte der Menschen auf dem gefrorenen Boden. Er hörte ihr verständnisloses Wispern …

Wie von fern klang die Stimme des Paters, dann senkte sich der Sarg mit der Mutter langsam nach unten. Voller Verzweiflung warf er sich auf die aufgeschüttete Erde vor dem Grab. Wie durch einen Schleier klang die Stimme des Paters, das Vaterunser der kleinen Schar. Dann entfernten sich die Schritte der Menschen – hastig, überstürzt, man fror, man wollte ins Warme.

Ben starrte verzweifelt in die dunkle Grube, auf den Sarg der Mutter. Er hatte von ihr Abschied nehmen wollen in dem Raum neben der Friedhofskapelle, wo sie aufgebahrt war. Nun war er zu spät gekommen, zu spät – für immer zu spät. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. Er nahm auch Anna nicht mehr wahr, die einige Schritte wie verloren hinter ihm stand. Sie wusste, er wollte jetzt allein sein, allein mit der Mutter.

Vor Bens Augen nahm die Mutter Gestalt an. Es war ihm, als stehe die schöne, hochgewachsene Frau am anderen Ende des Grabes. Auch seine Schwester Lisa war dabei. Beide lächelten zu ihm herüber. Er sah ihre ausgestreckten Arme und ihm wurde ganz warm. Er dachte an seine Jugend. Damals, als noch alles in Ordnung schien. Dass Mutter ab und zu Phasen mit Depressionen zu schaffen machten, konnten die Kinder nicht richtig einordnen und Vater als Führungskraft in einer Firma hatte nicht genug Zeit, der geliebten Frau ständig zur Seite zu stehen.

Dann kam diese unselige Kur. Mutter lernte einen neuen Mann kennen. Er brachte ihr die Aufmerksamkeit entgegen, die sie bei Vater vermisste. Sie schrieben sich, sie telefonierten und einer Tages war ihr Entschluss gereift. Sie verließ Vater und ging in die andere Stadt, in ein kleineres Haus, aber mit der großen Hoffnung, dass hier alles anders würde. Die beiden Kinder, zu jung, um bei dem beruflich oft abwesenden Vater bleiben zu können, nahm sie mit. Es war ein tiefer Einschnitt im Leben von Ben und Lisa.

Die Menschen in der Siedlung, in der der neue Mann wohnte, nahmen sie freundlich auf. Später bewunderte man Mutter, als sie sich aufopferungsvoll um den kleinen Enkelsohn ihres neuen Lebenspartners kümmerte. Seine Tochter Beate aus erster Ehe war an Krebs erkrankt. Ihr langes Sterben legte sich wie ein schwerer Druck auf die ganze Familie. Als Beate nach einem heftigen Kampf endlich von ihrem langen Leiden erlöst wurde, waren alle ausgebrannt.

Ben und seine Schwester Lisa waren in den Grundfesten erschüttert. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben wurden sie mit dem Tod in ihrer allernächsten Nähe konfrontiert. Es war die Zeit, als Lisa anfing, dunkle Bilder zu malen. Ihr letztes Bild zeigte dieses Mädchen mit dem weit aufgerissenen Mund, aus dem kein Laut zu kommen schien. Es hatte Ben lange verfolgt. Und dann kam dieser schreckliche Morgen. Dieser Morgen, an dem Lisas Bett unberührt war. Die hektische Suche nach ihr und dann der Anruf der Polizei, dass man sie tot in einem Hotelzimmer in der Nähe gefunden hatte. Danach war nichts mehr so, wie es gewesen war. Dass die geliebte Schwester nicht mehr da war, ließ Ben einsam werden. Und immer blieb die Frage nach dem Warum.

Verzweifelt versuchte die Mutter nach dem Tod von Beate und Lisa einen Neuanfang zu finden. Sie heiratete den Lebenspartner, versuchte ein Ausbildung zur Heilpraktikerin, um ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Die berufliche Neuorientierung misslang, die Ehe scheiterte. Sie war den großen Belastungen nicht gewachsen.

Als Ben mit der Schule fertig war, verließ er die Stadt, um sein Studium aufzunehmen. Es war fast wie eine Befreiung. Als er Anna kennenlernte, kam ein kleiner Hoffnungsschimmer in sein Leben.

Die Mutter blieb in der kleinen Stadt zurück. Sie zog nun in eine Wohnung. Doch es fiel ihr schwer, ihr Leben neu zu strukturieren. Mit ihrem zweiten Mann blieb sie in Verbindung. Sie trafen sich immer wieder. Doch als auch er an Krebs erkrankte, war sie physisch und psychisch nicht in der Lage, ihn zu pflegen. Als er starb, fuhr Ben noch einmal in die kleine Stadt, um den Mann seiner Mutter auf dem letzten Weg zu begleiten. Seine Mutter war der Beerdigung ferngeblieben. So wurde er von seiner ersten Frau, seinem Sohn und Ben zu Grabe getragen. Ben verstand seine Mutter nicht. Aber er konnte auch nie richtig mit ihr darüber sprechen.

Überhaupt waren ihre Gespräche immer seltener geworden. Wenn Mutter anrief, beklagte sie sich über ihre Einsamkeit, über die Nachbarn aus der Siedlung, die sie nach dem Tod des zweiten Mannes fallen gelassen hatten. Nach diesen Telefonaten fühlte er sich immer leer. Es belastete ihn. Ben hatte nicht mehr die Kraft, dies alles aufzufangen. Er wollte ein neues Leben führen, einfach überleben mit Anna und dem Kind, das sie inzwischen gemeinsam hatten. Er war diesen Hilfeschreien nicht mehr gewachsen. Das letzte Gespräch lag nun schon einige Wochen zurück …

Dann kam plötzlich die Nachricht von der Nachbarin, der Briefkasten war nicht mehr geleert, man hatte die Wohnung aufgebrochen. Mutter hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. Vorher hatte sie noch die ganze Wohnung mit neuen Blumen versorgt. Blühen und Duft gegen die Vergänglichkeit. Doch keine Zeile, kein Brief war für Ben da. Die Schuld nahm ihm fast den Atem. Und nun hatte sie ihn noch nicht einmal zur Beerdigung dabeihaben wollen, schoss es ihm durch den Kopf. Dieses Zuspätkommen empfand er nicht als Zufall.



Ben wusste nicht mehr, wie lange er am Grabe der Mutter gehockt, fast gelegen hatte. Er war eiskalt geworden, es war ihm, als hätte er kein Gefühl mehr in den Gliedern. Noch immer starrte er mit geröteten Augen in das schwarze Loch, auf den Sarg der Mutter. Lautlos rannen die Tränen über die bleichen Wangen. Raum und Stunde schienen zu zerfließen.

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. »Sie müssen jetzt aufstehen, wir müssen das Grab nun zuschütten«, hörte er eine männliche Stimme sagen. Ben versuchte mühsam hochzukommen. Die kalten Glieder versagten fast den Dienst. Der Mann half ihm, klopfte väterlich begütigend auf seinen Rücken. »Lassen Sie ihr die Ruhe«, sagte er. Ben hastete weg.

»Nur weg«, dachte er. Dann spürte er plötzlich die kleine, warme Hand von Anna in der seinen. Gemeinsam legten sie den langen Gang bis zum Ausgang des Friedhofs zurück. Hinter ihnen wirbelte der kalte Wind die letzten Blätter durch die Luft und ließ sie dann achtlos auf die Wege fallen. Und es war, als deckten sie die Spuren von Anna und Ben zu.



Über die Autorin:



Anne Graf
wurde 1942 in Breslau geboren. Nach der Flucht wuchs sie in Braunschweig, der Heimatstadt ihres Vaters auf. Im Anschluss an ihre Schulzeit arbeitete sie bei der Braunschweiger Zeitung und später beim Norddeutschen Rundfunk in Hannover. Wegen der Promotion ihres Mannes an der Universität Stuttgart zogen sie ins Schwabenländle. Nach der Kinderpause fing sie an, beim italienischen Konsulat als Förderlehrerin zu arbeiten. Nebenbei leitet sie eine Gruppe für Menschen in Notlagen, ist stellvertretende Vorsitzende der Musikschule und hat viele Jahre als Jugendschöffin am Landgericht in Stuttgart gearbeitet.

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