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kugelschreiber

____________Rudolf K. Scholz____________


»Poesie sollte Poesie bleiben, und Prosa sollte Prosa bleiben.
Für mich gehören Stropheneinteilung, Versmetrik und Reim
unverzichtbar zu einem wirklichen Gedicht.«

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Beitrag entnommen aus
»Das Gedicht lebt«
Ausgabe 2008
R.G.Fischer Verlag

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Adonis

Myrrha, Tochter des Kinyras,
ihrem Vater einst gab Anlass,
dass er schier vor Zorn erbebte.
Unfassbar, was er erlebte!

Es war Nacht, als es geschah,
was er erst am Morgen sah:
Myrrha schlief mit ihrem Vater!
Streng Verbot’nes mit ihr tat er.

Töten wollt’ er sie, doch flehte
Myrrha angstvoll im Gebete
zu den Göttern, und ihr Traum
ward erfüllt – sie ward ein Baum.

Schwanger blieb sie aber weiter.
Hoffnungsvoll gestimmt und heiter
den Adonis sie gebar.
Ihres Vaters Sohn er war!

Klein-Adonis wuchs heran,
wurde ein gar schöner Mann.
Eine Göttin er betörte,
bis sie gänzlich ihm gehörte.

Aphrodite und Adonis
liebten sich, was kein Geheimnis.
Doch ihr Glück nicht lange währte,
weil das Schicksal es zerstörte.

Denn in jenen sel’gen Tagen,
da geschah es, dass beim Jagen
kam ein Eber in Bedrängnis,
und das wurde zum Verhängnis.

Dieses Untier, wütend schnaubend,
allen die Besinnung raubend,
tötete den schönen Jäger.
Traurig brachten ihn die Träger.

Aphrodite war untröstlich,
doch ihr Weinen war vergeblich.
In den Hades still hinab
musst’ Adonis, fand sein Grab.

Doch Persephone erbarmte
sich der Trauernden, umarmte
sie und tat ihr freundlich kund,
dass zum Klagen sei kein Grund:

Immer, wenn es Frühling werde,
der Geliebte auf die Erde
dürfe eine Zeit zurück,
teil’n mit ihr das Liebesglück.

Nach den warmen Sommertagen
solle sie dann nicht verzagen,
müssen doch im Herbst die beiden
wieder voneinander scheiden.

Alle Sterblichen sich freuen,
wenn im Frühjahr, stets von neuem,
blühen nicht nur Buschwindröschen,
sondern auch – Adonisröschen.



St. Severikirche zu Erfurt

Drei Türme ragen auf zum Himmel,
nebeneinander, in einer Reihe.
Für wen stehen sie?
Einer – in der Mitte – für Bischof Severus,
ein zweiter für Vincentia, seine Frau,
ein dritter für Innocentia, seine Tochter.
Drei Türme für drei Heilige.
Eine ganze Familie
zur Ehre der Altäre erhoben!
Die Legende seiner Erwählung
weiß zu berichten,
dass sich auf dem Haupt des Severus
eine Taube niederließ,
als man einst in Ravenna
einen Bischof suchte.
War das ein Zeichen,
das Gott selbst gegeben hat?

Heute darf kein Bischof
Frau und Kinder haben.
Heute darf kein Priester
Frau und Kinder haben.
Warum?
Wäre Bischof Severus
heilig gesprochen worden,
wenn er sein Bischofsamt
nicht vorbildlich ausgeübt hätte,
trotz Frau und Kind?



Landgräfin Elisabeths Beichtvater

War das, was du gebeichtet hast,
denn wirklich unverzeihlich?
War es so schwere Sündenlast?
Hast du denn nicht getreulich
stets Gott, dem Herrn, so fromm gedient
mit Werken für die Armen,
dass du ganz leicht all das gesühnt
allein durch dein Erbarmen?

Verantwortung er für dich trug
in jenen fernen Tagen.
Der dich so unbarmherzig schlug,
ward schließlich selbst erschlagen.

 

Am 19. Juni 2003 fand man in Erfurt im Flutgraben am Nettelbeck-Ufer die Leiche eines neugeborenen Kindes. Im Polizeibericht heißt es dazu: »Das weibliche Neugeborene wurde, kurz nach der Geburt, durch massive Gewalteinwirkung zu Tode gebracht.« Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Kindesmutter führen, eine Belohnung von 5.000 Euro ausgesetzt. Trotzdem konnte die Kindesmutter bisher nicht ermittelt werden.

Beamte der Kriminalpolizei gaben dem kleinen Mädchen den Namen Elisabeth. Das Kind erhielt ein Begräbnis auf dem Erfurter Hauptfriedhof. Auf dem Grabkreuz stehen nur die beiden Worte »Elisabeth« und darunter »Juni« – ohne Jahresangabe.

Für Elisabeth

Der stille Friedhof, den ich oft betrete,
er liegt im ersten Frühlingssonnenschein.
Die vielen frommen, einsamen Gebete,
durch die hier mancher Trost und Kraft erflehte –
für wen wohl mögen sie gesprochen sein?

Ich steh’ vor einem schlichten Kreuz am Rande
des Grabfeld’s, wo man Kinder trug zur Ruh’.
Der Tod zerstörte jäh die zarte Bande;
unfaßbar muß es bleiben dem Verstande!
Leis’ deckt den kleinen Sarg die Erde zu.

Das kleine Mädchen, das man hier begraben,
erhielt als Namen nur: Elisabeth.
Es waren nicht die Eltern, die ihn gaben.
Die Mutter wollte dieses Kind nicht haben,
drum gab sie ihm noch nicht einmal ein Bett.

Im Wasser, tot – so wurde es gefunden.
Zuvor hatt’ es noch kurze Zeit gelebt.
Die Mutter, herzlos, grausam, blieb verschwunden.
Sie weiß um ihres Kindes schlimme Wunden,
weiß, daß man Klage gegen sie erhebt.

Elisabeth fand Liebe nicht im Leben,
das nur so kurz, so traurig für sie war.
Erst als sie tot war, konnte man ihr geben
den Namen, und man konnte sie erheben
zur Menschenwürde auf der Totenbahr’.

Wer pflegt wohl jetzt das Grab der lieben Kleinen?
Gewiß sind’s Menschen, die sie nicht gekannt.
Wird an dem Grabe einmal jene weinen,
verlassen zwischen all den vielen Steinen –
die Mutter, die bis heute unbekannt?

Was wird ihr Schicksal sein am jüngsten Tage,
wenn auf uns Menschen wartet das Gericht?
Wir beten für die Mutter, ohne Frage,
damit sie dereinst, trotz der schweren Klage,
Verzeihung find’t vor Gottes Angesicht.



Allerseelen

Es dämmert. Ganz unmerklich sinkt das Dunkel
hernieder auf die Gräber. Es ist still.
Ich schau’ zum Himmel, sehe das Gefunkel
der ersten Sterne. Weiß ich, was Gott will?

Der lieben Eltern soll ich heut’ gedenken,
die schon so lang’ hier in der Erde ruh’n.
Ein warmes Licht, das will ich ihnen schenken.
Voll Dankbarkeit für sie werd’ ich es tun.

Die letzten Blumen, die ich hergebracht,
sind längst verwelkt, drum werfe ich sie fort.
Es naht sich unaufhaltsam nun die Nacht.
Mich fröstelt mehr und mehr an diesem Ort.

Und während auf dem Elterngrab das Licht
noch flackert, so als wollte es verlöschen,
da fährt ein kalter Wind mir ins Gesicht.
Er reißt das fahle Herbstlaub von den Eschen.

Wer wird wohl einst am Allerseelentage
zu meinen Grabe kommen, um ein Licht
dort anzuzünden? Bleiben wird die Frage,
denn eine Antwort darauf find’ ich nicht.


Über den Autor:



Rudolf K. Scholz wurde 1936 in Erfurt als Sohn eines Handwerksmeisters geboren und legte hier 1955 auch die Reifeprüfung ab. Für das von ihm angestrebte Germanistik-Studium in Leipzig erhielt er keine Zulassung. Er begann ein Lehrer-Studium im Fach Slawistik und wechselte 1957 zum Diplom-Studiengang Psychologie. Von 1961 bis 1964 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Psychologie und Lehrbeauftragter an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. Aus politischen Gründen wurde er 1964 zum vorzeitigen Abbruch der wissenschaftlichen Assistenz gezwungen, so dass er seine Dissertation nicht fertig stellen konnte. Nach einer an der Medizinischen Poliklinik der Universität Jena bei Professor Klumbies absolvierten Psychotherapie-Ausbildung arbeitete er als klinischer Psychologe zunächst in Blankenhain-Egendorf (Thüringen) und danach in Erfurt. Seine Tätigkeit an der damaligen Poliklinik Mitte in Erfurt musste er 1976 ebenfalls aus politischen Gründen beenden.

Erst nach jahrelangen gerichtlichen Auseinander-setzungen konnte er 1980 seine Wiedereinstellung im kommunalen Gesundheitswesen der Stadt Erfurt erreichen, allerdings mit einer nunmehr fachfremden Arbeitsaufgabe. Einen vertieften Einblick in die sozialen Probleme des Alkoholismus erhielt der Autor durch seine Mitarbeit an einem Forschungsauftrag am Agricola-Krankenhaus Saalfeld (Saale) in den Jahren von 1982 bis 1984. Seine letzte Festanstellung – als stellvertretender Leiter des Kreisrehabilitationszentrums Apolda – verlor er durch die Auflösung des ambulanten Bereichs der Gesundheitseinrichtungen des Kreises Apolda zum 31.12.1990. Er übernahm dann zunächst eine Zeitlang die psychologische Betreuung der Senioren- und Pflegeheime des DRK-Kreisverbandes Apolda. Ab 1993 bis zum Eintritt in den Ruhestand war er auf Honorar-Basis als Referent in der Erwachsenenbildung tätig.
1998 erhielt er von der thüringischen und 2002 auch von der sächsischen Rehabilitierungsbehörde die Anerkennung als Opfer politischer Verfolgung gemäß dem 2. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz.