____________ Walter Weitzel ____________
»Kunst macht Licht an, falls geeignete Birne da.«

Evolutionsfinale
(Rap-Elegie im Alexandriner-Neumaß)
Atempause seit Äonen. – Doch scheint’s als sähe
Gott sein Ebenbild endlich als Flop, als geschähe
nun ein Comeback in seiner Bauplaner-Praxis,
nicht weit vom blausten Planeten der Galaxis.
Verborgen im All, geheim einst vermaledeit,
soll wohl Godot, der Schuld hat am Totschlag der Zeit,
bis zum großen Meteorprall verharren und
Spreng-Chef werden: Die Adamsbrut treibt’s allzu bunt.
Da beim »Staffelsprint Fortschritt« der Maßstab verloren,
wird Strohdrusch wie Popschund als »genial« erkoren.
Im Knetezeterland ist Korruptes nicht obszön.
Hautfeilheit auf Dauer hält den Gripsschwund modeschön.
Rouge schminkt Eos längst schon ab, döst im Unerkannten.
»Imaginäre Zeit«, Leptonen, dazu Quanten
und Quarks verulken Forscher, zeigen Zufall vor!
Den Schöpfungssinn kennt nur der US-Sektenchor.
Beim nächsten subatomaren Partikel-Catch
treffen emsig am Kernspalt sich zum Brainstorm-Match
vom new New Age die kühnen Spirit-Runderneurer
mit manchem Topstar der Physik-Abenteurer.
Weltformelfiebrig messen Tüftler in Behrbach
im Labor: Lichttempo klar beschleunigt, mehrfach!
Astroschiffer beamen zögernd, aber mit Krakeel,
weil andre Universen plötzlich parallel.
Irdisch dämpft Armut akut auch den Raumfahrtruhm.
Künstliches Altern schafft neben dem Slumbabyboom
den Ameisglobus: Aufruhr und Freitod verbürgt.
Januszüngig wird Zeitgeist von Medien getürkt.
An Trendlawinen erstickt bald die Aufbrauchwelt –
von Konzernmurks, Profitbrunst und Playern verprellt.
Marktdarwinismus erdrosselt Humanwirtschaft;
selbst Sisyphus geht stempeln, weicht der Robotkraft.
Seuchen, Klima nebst Gewaltflut schlagen schlimmer zu;
das Dasein bloß ein ReRemix: sicherlich kein Clou.
Blendwerker Datenschirm, Stegreifgrab eo ipso,
Co-Komponist vielleicht noch des Apocalypso?
Mensch, Gott – ach du Godot! – Den finalen GigaGAU
zeugt gar der Kreuzzüglerterror selber, denn zum Bau
von Nuklearmist flackert Glaubensglut genug.
Doch, Herr, ein Crash-Komet zermalmt rundweg Betrug
und Siechtum, Kriegsnot und Wahn sowie den Klon-Irrsinn.
So schmeiß das Denkgezücht vom Stern; feire Neubeginn!
Ermuntert
Schneeglöckchen läuten
beim Krokus: Neue Zeit!
Sorgen für Aufregung so
in jedem Jahr,
mehr als im Orbit
ein Raumfährenreiter, der
(seiner Kapsel entsprungen)
auf der Sternenwiese erglüht
im Flirt mit einer Schnuppe.
Warnruf weicht Marktschrei
Wo wir sind, ist vorn;
kühn meinte er es anfangs.
Stiller im Rückzug und verbittert
starb dann Herbert Gruhl.
Vom Weiterplündern des Planeten
hören Schutzengel auf der Flucht.
Singles
Von zwei Parallelgeraden eine
hatte das Nebeneinander satt
und sagte zur andern: »Küss mich!«
»Das geht doch erst im Unendlichen«,
sprach da die zweite und fügte hinzu:
»Ob ewige Liebe so entsteht,
ist keineswegs todsicher.«
Nirgends auf Richtlinien ein Verlass;
nur die Tangente weiß zärtlich
den richtigen Punkt zu berühren.
L’art pour l’art
Formhörig abseits vom Gros
sondern Besessene Kunstqualm ab,
derweil sie mit Hochdruck
gütesiegelnd ihr Wahres
aus irdischer Bruchwelt sintern.
Schwerwiegend Unwägliches
stemmen sie: Seifenblasen
aus Ideen oder Zeichen –
wahnschillernd, nicht bestechbar,
vom Ich weg nirgendwärts.
Panne im Funkverkehr
Am Himmel entlang
verpasste die Zugvogelschar
dem Lehrling des Luftschriftdienstes
lange Schwerstarbeit.
Sie zwang ihn für einen
Herbst und über Winter in Bann.
Im nächsten Frühjahr
schmiss er den Job und wechselte
zur Nachtschichtgruppe der besser
dotierten Orakler
der Sternenkungelei.
Sein Ex-Chef, Augur bei Papst Urs,
hätte auch den Sinn
der Formation nicht entschlüsselt;
denn Vogel-Talk-Franz von Assisi
schrieb, schon heilig, seinen
Sonnenlobsang neu und
sendete ihn, per Privatkanal,
just zur Flugschauzeit.
Indessen spie das Tagesgestirn
Protuberanzen. Die störten
das Erdmagnetfeld
und jenen Kopfradar der Vögel;
fälschten deren Schwarmbild!
Bühnenbrett vorm Kopf
Im Darstellbasar sichtschwammiger
Flaschen-Postmoderne hökert
Theaterregie mit Versatz
von Einfalls-Tinnef. Der Rollengeist
fletscht moribund seinen Rachen. Und
aktlang Intimblöße. Gähnproduktiv!
Wer legt schon der Stücke Nerv
blank, den guter Autorentext
traf, und tötet nicht jenen
beim Rest, der von Besuchern bleibt
und Verwandlung braucht. – Geschehe
eitlen Rampenvögten doch Verderb!
Medial
Längst offen im Großversuch
betreibt der Moloch Medien,
vom Menschengemenge unbemerkt,
unserer Sinne Enteignung.
Endlos besprüht alleinig
durch Audio-Visuelles
schwinden da Hören und Sehen.
Baldig als Zusatzofferte
haben wir künstliches Riechen
und »Tasten« – und mutmaßlich
den Kanal davon voll!
Bleibt nur mehr das Schmecken
im Artifiz, denn Gaumenfreuden,
»unwirkliche« zumal, darauf
sind immer welche scharf.
So fragen wir uns selbander:
Ham wirse noch alle fünf beinander?

