____________ Rudolf K. Scholz ____________

Beitrag entnommen aus
»Oh, süße Lust!
Literarische Phantasien der Erotik«
Ausgabe 2008
R.G.Fischer Verlag
Eros und Wissenschaft
Hotelkapazitäten standen in der DDR nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung. Wenn eine wissenschaftliche Gesellschaft eine Fachtagung oder einen Kongress veranstalten wollte, mussten die Übernachtungsmöglichkeiten für die Teilnehmer lange vorher bestellt werden. Einzelzimmer gab es in der Regel nur für die Referenten und für ausländische Gäste, manchmal vielleicht auch für besonders honorige Persönlichkeiten, etwa für schon recht betagte Professoren, denen man nicht zumuten wollte, sich ein Zimmer mit einer ihnen womöglich völlig fremden Person teilen zu müssen. Für alle anderen Teilnehmer war dies indessen nicht zu vermeiden. Die Organisatoren waren gehalten, streng darauf zu achten, dass immer nur jeweils entweder zwei Teilnehmern oder zwei Teilnehmerinnen ein Doppelzimmer zugewiesen wurde. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn versehentlich ein Herr und eine Dame zusammen in ein Zweibettzimmer geraten wären …
Wieder einmal galt es, den turnusmäßigen Kongress einer renommierten medizinischen Fachgesellschaft vorzubereiten, und Sekretärin Monika hatte auch diesmal wieder die verantwortungsvolle Aufgabe der Quartierzuweisung übernommen. Ihr oblag also auch die Entscheidung darüber, wer mit wem während der Dauer des Kongresses in einem Doppelzimmer übernachten musste. Anhand der ausgeschriebenen Vornamen auf den Teilnahme-Anmeldungen war das im Allgemeinen kein Problem. Mitunter freilich konnte es schon einmal etwas knifflig werden, aber Sekretärin Monika hatte sich im Laufe der Jahre fast schon zu einer Expertin für Vornamenkunde qualifiziert. So wusste sie inzwischen, welchem Geschlecht jeweils die Vornamen Helga, Helge und Helke zuzuordnen sind und ob es sich bei Karsten, Kersten und Kirsten jeweils um einen Mann oder um eine Frau handelt. Nun aber hielt sie eine Anmeldung in der Hand, die ihr einiges Kopfzerbrechen bereitete: Eike Brunner. Eike? War das nun ein männlicher oder ein weiblicher Vorname? Heike, ja, so konnte nur eine Frau heißen. Aber Eike? War es nur eine seltene Variante des geläufigeren Vornamens Heike? Schon wollte sie Eike Brunner zusammen mit einer anderen Teilnehmerin in ein Doppelzimmer einweisen, da erinnerte sie sich plötzlich an einen Ausflug ins Selke-Tal im Harz, an eine Wanderung zur Burg Falkenstein. Dort hatte sie bei einer Führung erfahren, dass ein gewisser Eike von Repkow im 13. Jahrhundert das älteste deutsche Rechtsbuch – den berühmten »Sachsenspiegel« – verfasst hat. Sekretärin Monika stellte sich diesen Eike von Repkow als einen juristisch ambitionierten Haudegen in martialischer Ritterrüstung vor. Kein Zweifel – Eike konnte nur ein männlicher Vorname sein. Also entschied sie, dass die Teilnehmer Eike Brunner und Werner Heidenreich gemeinsam das Zimmer 414 in dem für sie vorgesehenen Hotel beziehen sollten.
Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als Werner Heidenreich im Hotel eintraf. An der Rezeption erfuhr er, dass für ihn ein Bett im Zimmer 414 reserviert sei. Der Schlüssel für dieses Zimmer sei bereits abgeholt worden. Sein Zimmergenosse – wer auch immer das sein mochte – war also schon da. Werner Heidenreich liftete sich in die vierte Etage und suchte auf dem Gang das Zimmer 414. Obwohl es ja auch »sein« Zimmer war, klopfte er höflich an. Wie groß war seine Überraschung, als von drinnen eine helle Frauenstimme freundlich »Herein!« rief. Zögernd drückte er auf die Klinke und sah sich im nächsten Augenblick einer bildhübschen jungen Dame gegenüber, die gerade damit beschäftigt war, verschiedene Utensilien in ihr Nachtschränkchen einzuräumen. »Oh, Verzeihung, das muss ein Versehen sein!«, stieß Werner Heidenreich ganz verwirrt hervor. »Ich werde das sofort an der Rezeption klären.« Damit stellte er seinen Koffer ab und verließ sogleich wieder das Zimmer. An der Rezeption freilich musste man ihm sagen, dass sämtliche Zimmer des Hotels bereits ausnahmslos belegt waren und er nicht mehr tauschen konnte. Ein Versuch in anderen Hotels der Stadt erschien aussichtslos; alle waren wegen des Kongresses restlos ausgebucht. Sehr verärgert kehrte Werner Heidenreich in das Zimmer 414 zurück und informierte die junge Dame über seinen vergeblichen Versuch, anderweitig unterzukommen. »Ich überlasse selbstverständlich Ihnen das Zimmer, zumal Sie ja auch zuerst da waren«, erklärte er ihr. »Wie? Sie wollen doch nicht etwa schon wieder abreisen, noch bevor der Kongress überhaupt begonnen hat? Meinen Sie nicht, dass wir uns in diesem Zimmer einige wenige Tage lang vertragen würden?« »Vertragen würden wir uns wohl schon, aber …« »Kommen Sie! Packen Sie Ihren Koffer aus! Die Fächer rechts im Schrank sind alle noch frei. Und Kleiderbügel sind auch ausreichend vorhanden.« Dieser charmanten Aufforderung konnte Werner Heidenreich schwerlich widerstehen. Ein wenig zögernd noch begann er, einige Oberhemden in einem der Schrankfächer zu verstauen. Er warf einen Blick auf die beiden Betten, die wie Ehebetten nebeneinander standen, und sah, dass das Bett auf der Türseite noch frei war, denn auf dem anderen lag bereits ein zartviolettes Damennachthemd. Allmählich immer mehr Mut fassend, legte er seinen Pyjama auf das noch freie Bett. Dann begann er mit seiner Zimmergenossin ein Gespräch, das ausschließlich berufliche Themen und fachliche Fragen zum Inhalt hatte. Beide spürten, dass die so unerwartet eingetretene Situation im höchsten Maße gewöhnungsbedürftig war. Irgendwann im Verlauf ihrer Unterhaltung holten sie dann etwas nach, das sie bis dahin völlig vergessen hatten: Sie stellten sich einander mit Namen vor.
Nachdem sie sich so längere Zeit über Vieles ausgetauscht hatten, blickte Herr Heidenreich auf seine Uhr und sagte zu Frau Brunner: »Weil Sie mich so freundlich in Ihrem Zimmer aufgenommen haben, lade ich Sie jetzt zum Abendessen ein.« Sie nahm diese Einladung gern an. Im Restaurant des Hotels speiste man vorzüglich, und danach bestellte Werner Heidenreich eine Flasche trockenen Müller-Thurgau, der nach einiger Zeit seine die Zungen lösende Wirkung nicht verfehlte. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die beiden zur »Du«-Anrede übergingen und nun mehr und mehr auf die jeweilige persönliche Lebenssituation zu sprechen kamen. Werner erfuhr, dass Eike dreißig Jahr alt und geschieden war, und Eike erhielt davon Kenntnis, dass Werner drei Jahre älter war als sie – und trotzdem noch immer unverheiratet.
Als sich Eike einmal für kurze Zeit vom Tisch entfernt hatte, ließ Werner in einem unbeobachteten Augenblick etwas in sein Weinglas fallen. Es war eines jener unsäglichen Placebos, die für gewisse Situationen eine voll befriedigende Manneskraft versprechen. Und einer solchen Manneskraft wollte sich Werner unbedingt für den Fall versichern, dass es schon in dieser Nacht mit Eike zum Äußersten kommen würde, woran eigentlich kein vernünftiger Zweifel bestehen konnte.
Nachdem sich Werner den ganzen Abend sehr angeregt mit Eike unterhalten hatte, winkte er schließlich der Bedienung und zahlte, nicht ohne dem Kellner ein großzügiges Trinkgeld zukommen zu lassen. Danach kehrte er mit Eike ins gemeinsame Zimmer zurück. Dort angekommen, blickte Eike ihn herausfordernd an und fragte: »Wer darf nun zuerst duschen?« »Die Damen gehen immer voran«, antwortete Werner ein wenig unsicher. Doch plötzlich, selbst über seinen Mut erstaunt, trat er auf Eike zu, zog sie zärtlich an sich und fragte sie: »Darf ich dich ausziehen?« Eifriges zustimmendes Nicken. Was Werner in der nächsten Minute entblößen durfte, war ein vollendet schöner Frauenkörper. Als er Eike den BH löste, stockte ihm vor Erregung fast der Atem. Und als er ihr den Slip abstreifte, sah er etwas, das er sich insgeheim bei allen Frauen wünschte: Eike war ohne Schambehaarung, was für ihn den ohnehin schon äußerst starken sinnlichen Reiz, der von ihrem Körper ausging, noch ungemein steigerte.
Eike trat als erste unter die Dusche, stellte die gewünschte Wassertemperatur ein und zog dann Werner zu sich heran. Eng umschlungen ließen die beiden das Wasser warm über ihre Körper rinnen. Genussvoll gaben sie sich diesem wunderbaren Gefühl von Nähe hin. Werner dachte daran, dass er noch vor wenigen Stunden allen Ernstes wieder abreisen wollte, weil er sich nicht vorstellen konnte, mit einer ihm völlig fremden Frau in einem Hotelzimmer zu übernachten. Während er so mit Eike unter der Dusche stand, musste er über die Redewendung »sich frei machen« nachdenken. Bedeutet sie nur, sich der Kleidung zu entledigen? Oder bedeutet sie in Wirklichkeit nicht viel mehr? Ist es nicht so, dass sie vor allem meint, sich zu befreien – von Hemmungen, von Ängsten, von unbegründeten Schamgefühlen, von Vorurteilen; kurzum, von all den inneren Blockierungen, die Menschen daran hindern, sich unbefangen und natürlich in ihrer Körperlichkeit zu begegnen wie einst das erste Menschenpaar im Paradies? Während Werner noch so vor sich hin sinnierte, fuhr er plötzlich erschrocken zusammen – eiskaltes Wasser strömte auf einmal über seine Schultern. Eike hatte, von ihm unbemerkt, das warme Wasser abgedreht, um das Ende des gemeinsamen Duschvergnügens zu signalisieren.
Nachdem sich beide abgetrocknet hatten, schlüpften sie, so wie sie waren, in ihre frisch bezogenen, herrlich gefederten Hotelbetten. Nun galt es für Werner, sich als Liebhaber zu bewähren. Würde ihm das gelingen? Er kannte die gesamte sexualwissenschaftliche Literatur von Kinsey bis Kolle. Was ihm fehlte, war ausreichende eigene Erfahrung mit Frauen im Bett. Doch es sollte sich sehr bald erweisen, dass er es hervorragend verstand, sein umfangreiches angelesenes Wissen in der entscheidenden Situation anzuwenden. Es gelang ihm, sich selbst zunächst weitgehend zurückzunehmen und sich ganz auf seine Partnerin einzustellen. Nach einem ausgedehnten Vorspiel vermochte er ihre Erregung immer mehr zu steigern, bis sie schließlich in einen rauschhaften Höhepunkt einmündete. Am Ende kam auch er noch voll auf seine Kosten. – Nachdem die beiden ein wenig Atem geschöpft und sich wieder voneinander gelöst hatten, lagen sie noch eine ganze Weile zärtlich flüsternd beieinander, bis Eike erschöpft, aber glücklich, in Werners Armen einschlief.
Als Werner am nächsten Tag die Augen aufschlug, sah er Eike im Morgenmantel vor dem Schrank stehen, in dem sie irgendetwas suchte. »Ach, wie schade!«, entfuhr es ihm, noch bevor er ihr einen guten Morgen wünschen konnte. »Was ist schade?«, fragte Eike halb irritiert, halb belustigt. »Dass du schon wieder angezogen bist.« Eike lächelte verständnisvoll, trat dann plötzlich an Werners Bett heran und ließ ihren Morgenmantel von den Schultern fallen. Wieder sah er ihre wunderbare Gestalt ganz unverhüllt. Ihm war, als stände Aphrodite, die dem Meer entstiegene Göttin der Liebe und der Schönheit, leibhaftig vor ihm. Insgeheim musste er sich eingestehen, dass er ihr nichts Gleichwertiges entgegensetzen konnte. Gewiss, er war nicht missgestaltet wie Hephaistos, der griechische Gott der Schmiedekunst, den der Göttervater Zeus zum Ehemann für die schöne Aphrodite bestimmte. Aber Werner hatte eben auch nicht den begnadeten Körper eines Adonis, und er ließ es in den letzten Jahren leider sehr an sportlichen Aktivitäten fehlen, die ihm vielleicht im Ergebnis einen muskulösen, durchtrainierten Körper beschert hätten. Doch ob nun Adonis oder nicht – Werner zog Eike zu sich auf das Bett und ließ keinen Zweifel daran, dass er sie erneut begehrte, noch einmal mit ihr das Liebesglück genießen wollte. Eike aber gab zu bedenken, dass nicht mehr viel Zeit sei, wenn man pünktlich um neun Uhr im Vortragssaal sein und vorher noch in Ruhe frühstücken wollte. Und überhaupt – schließlich sei man doch nicht zum Kongress angereist, um sich immer wieder neuen Lustbarkeiten hinzugeben, sondern um etwas für die eigene fachliche Weiterbildung zu tun. »Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!« Wie recht hatte doch Friedrich Nietzsche, als er einst diese Worte in seinem »Zarathustra«
niederschrieb. Dem heftigen Werben Werners gab Eike nur allzu gern
nach, und wieder liebten sich die beiden leidenschaftlich – diesmal in der Morgenstunde.
Zum Abschluss des zweiten Kongresstages stand der unvermeidliche
Gesellschaftsabend auf dem Programm. Auch Eike und Werner hatten sich für dieses Ereignis in Gala geworfen. Eike sah in ihrem bezaubernden cremefarbenen Ballkleid einfach hinreißend aus, aber auch Werner machte im festlichen dunklen Anzug, mit eleganter Herrenschleife und glänzend-schwarzen Lackschuhen eine sehr gute Figur. Die Kollegen staunten nicht schlecht, als sie ihn, der Frauen gegenüber als sehr zurückhaltend galt,
plötzlich in solch attraktiver weiblicher Begleitung sahen. Wie mochte ihm diese Eroberung gelungen sein? – Eike war schon bald die begehrteste Tänzerin des Abends. Doch jeder, der von ihr erfahren wollte, wie sie Werner kennen gelernt hatte, wurde enttäuscht. Die unverhoffte Hotelzimmer-Romanze der beiden blieb ihr Geheimnis …
Einige Zeit nach dem Kongress kam Sekretärin Monika zu Ohren, dass sie einen Teilnehmer und eine Teilnehmerin zusammen in ein Doppelzimmer eingewiesen hatte. Es war ihr sehr peinlich. Wie konnte das nur passieren? Sie machte sich nun über den Vornamen Eike kundig und musste zur Kenntnis nehmen, dass er meist ein männlicher Vorname ist, mitunter aber auch ein weiblicher sein kann. Sollte ihr dieser Vorname bei künftigen Kongressvorbereitungen wieder einmal begegnen, würde sie in einem solchen Fall stets ein Einzelzimmer zuweisen. Überhaupt nahm sie sich vor: In Zweifelsfällen immer Einzelzimmer! Schließlich wollte sie sich nicht dem Verdacht der Kuppelei aussetzen. Und da sie eine sehr praktisch denkende Frau war, fand sie, dass Eike eigentlich ein idealer Vorname für Transsexuelle sei, weil diese sich im Fall eines Geschlechtswechsels die erheblichen Kosten für die Änderung des Vornamens in allen amtlichen Dokumenten sparen könnten. Ganz gleich, ob ein Mann mit dem Vornamen Eike künftig als Frau leben will, oder ob eine Frau, die Eike heißt, ein Mann werden möchte – Eike kann immer Eike bleiben.
Personen und Handlungen der vorstehenden Kurzgeschichte sind frei erfunden.
Etwaige Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit realen Personen sind rein zufällig.


