____________ Margit Schäfer ____________
»Der Sprache Vielfalt ist so farbenprächtig,
dass ein Gemälde reift: das Gedicht.«

Nächstenliebe
Oft hörst du’s, willst du um Hilfe ansuchen,
geht mich nichts an, den anderen fluchen,
frag ’nen anderen – ich hab’ keine Zeit,
ist auch nicht meine Sache – tut mir Leid.So hört man die Leute oft reden,
helfen ist lästig, man müsst’ sich bewegen
oder gar auf etwas verzichten,
um seinem Nächsten einen Dienst zu verrichten.Man boxt sich durch im Ellenbogenprinzip,
verpasst auch gern ’mal einen Hieb,
als einfach »Ja« zu sagen,
zum Beispiel einer ält’ren Dame den Koffer zu tragen.Jeder ist sich der Nächste, der billige Kommentar,
hörtest du, als wieder ’mal Hilfe vonnöten war.Ein Mann, stets auf seinen Vorteil bedacht,
torkelt betrunken durch die Nacht.
Am Ufer des Flusses glitt er hinab,
umklammert ’nen Ast – beinah trieb er ab.
Er jammert, schreit, klägliches Flehen,
du hörst es, tust so, als wolltest vorbeigehen
an dem, der sonst nur flucht,
wenn jemand um Hilfe sucht.»Hilf mir, hilf mir – lass mich nicht im Stich!« –
»Ja, so ist’s, nun brauchst du mich!«
Um ihm die Hand zu reichen, kehrst du zurück,
dass du nicht denkst wie er – das war sein Glück!
Der Grashalm
Im Frühjahr, wenn Frost und Raureif vorbei,
letzte Schneereste geben die Wiesen frei,
die sich verwandeln in sattgrüne Flur,
laden dich zum Spaziergang in die Natur.Nimm dir Zeit, sollst nicht eilen,
sondern auf der Wiese verweilen.
Setz dich hin, schau um dich herum,
beobachte das Gras, es ist nicht stumm.
Es steckt doch voller Leben,
vermag dir Hilfe abzugeben.Fühl’ ihn, den Grashalm, zerbrechlich zart,
glaub’ mir, sein Inneres ist hart,
willst ihn mutwillig rupfen, lässt er dich leiden.
Er rächt sich, wird dich furchtbar schneiden.
Wirkt so zart aus der Näh’,
doch ist der Grashalm furchtbar zäh.Über’n Grashalm hab ich nachgedacht
und er hat mich auf die Idee gebracht:
So tut’s mir bisweilen weh,
wenn ich’s Gras niedergetrampelt seh’,
lenkte ich darüber den großen Pferdewagen,
vor dem sehr schwere Rösser traben.Doch glaubt’ ich nur, es sei zerdrückt,
bin wenig später ganz entzückt.
Das Gras war von der Last unbeschadet geblieben,
weil sich die Gräser wieder im Winde wiegen.
Lang steht die sengende Sonne über dem Land,
das Gras, es hält der Dürre stand.
Im Sommer, wenn der Bauer mäht das Heu,
das Gras wächst sofort wieder auf’s Neu.Pflastersteine, Schienen, Kies hemmen es nicht,
das Gras bricht durch und sucht das Licht.
Nur reißt man’s mit der Wurzel aus,
ist des Grashalms Leben raus.Sei wie der Grashalm, bist du gedrückt,
hat dich des Lebens Last geknickt,
liegst schon am Boden, sieh der Sonne Lauf,
denk an den Grashalm, richte dich wieder auf!
Der Wellengleiter
Das Leben gleicht einem Ozean,
du bist der Gleiter auf tausenden Wogen,
alsbald glätten die Wellen sich dann,
ehe die nächsten Gewitter toben.Die stürmische Flut spült dich hinab,
du drohst zu ertrinken in brausender Gischt,
schon löst der Sonnenschein das Unwetter ab
und du sichtest Land im gleißenden Licht!
Der Kutscher: Ein Vergleich
Beim Leiten der Rösser hab’ ich’s entdeckt,
dass der Kutscherberuf in jedermann steckt.
So wie ich die Leinen mit dem Pferdemaul verband,
nimmst auch du dein Schicksal in die Hand,
doch auch derer, die dir anvertraut sind,
erfahren haben wir’s bereits als Kind.Ist der Kutscher roh und derb,
hat’s wenig Vertrauen zu ihm, sein Pferd.
Kommt ein Hindernis, wird’s dem Kutscher bang,
geht auch’s Pferd unruhig die Straße lang.
Ein Kind fühlt Wut und Aggression,
Angst ist seine Reaktion.
Dem Kind bleibt nicht verborgen,
leidet die Mutter Angst und Sorgen.Ausgeglichen mag es sein
im trauten intakten Heim.
Mancher erlebte es in der Kinderzeit,
dir boten die Eltern zu wenig Geleit,
hielten dich zu streng,
es wurde dir zu eng.
Der es nicht mehr ertrug, brach aus,
suchte Verständnis in anderem Haus.
Darfst kein Pferd strafen, sollst es loben,
Kinder woll’n nicht nur gehorchen: Lasst sie auch toben!
So ist’s bei Kindern, so bei Pferden,
mit Gefühl wollen diese behandelt werden.Doch auch bei uns Erfahrenen und Reifen
vermag ein solcher Vergleich zu greifen:
Hält man die »Zügel« zu straff, zu streng,
wird’s auch dem Menschen sehr schnell eng.
Er läuft dagegen, weigert und sich bäumt,
wie das Pferd, das sich quer stellt, steigt und schäumt.Aber sind wir zu locker, zu unbedacht,
ist’s Gespann schnell außer Kontrolle gebracht.Das Pferd wird seinem Kutscher nur Vertrauen schenken,
wenn es weiß, er versteht es, richtig zu lenken.
Wie die Rösser unter des Kutschers Hand traben oder wenden,
halte unser Schöpfer euer Schicksal in guten Händen!
Ein Lächeln
Ein Lächeln passt zu jeder Zeit,
hellt auf düst’re Sorgen,
gibt dem Tag das richtige Geleit
wie’s Sonnenlicht am Morgen.Ein Lächeln erfreut dein Gegenüber,
das trüber Stimmung ist,
ein Lächeln bringt Worte anders rüber,
stimmt den Alltag weniger trist.Ein Lächeln, nicht nur zu festlicher Stund’,
sondern an 365 Tagen,
gibt die passenden Worte kund,
erleichtert mancherlei Fragen.Das Lächeln ist ein Bindeglied,
bringt Freundschaften zustande,
bedarf eines Dolmetschers nicht,
man versteht’s in jedem Lande.Der da meint, er glaubt es nicht,
und mag viel lieber fluchen,
zieht griesgrämig sein Gesicht,
soll’s einfach mal versuchen.
Gruppenzwang
Der Mensch, das vernunftbegabte Wesen,
ist doch nur ein Herdentier,
scheint er noch so belesen,
alleinige Entschlüsse stimmen wirr.Die Werbebranche legt’s darauf an,
dass man Menschen manipulieren kann.
Was die Mode vorschreibt, wandert über’n Tisch,
der Rest hütet den Laden, weil’s »altmodisch« ist.Findet ein kesser Teenie ’ne »heiße Scheibe« schön,
ist’s auch die Meinung der andern zehn.Schimpft einer über’s Wetter, tun’s die andern auch,
teilt sich gemeinsam über’s TV-Programm die Wut im Bauch.Der Sammler – für’n guten Zweck – hat’s nicht schwer,
gab der Nachbar vorher ’nen guten »Batzen« her!Nun wagten wir mal einen Test,
ob sich die Menschheit von uns manipulieren lässt.Der Münchner Marienplatz lädt prima ein,
sehr viele Leut, alt, jung, groß und klein.
Nach dem Motto: Alles Gute kommt von oben,
haben wir den Zeigefinger einfach in die Luft gehoben,
starrten – schier aufgeregt – in den Himmel hinein,
innerlich grinsend, so ganz insgeheim.
Sieh an, die ersten blieben stehn –
was mag dort oben vor sich gehn?
Immer mehr hoben den Kopf in die Luft
und haben das nicht Vorhandene gesucht.Da verschwanden wir heimlich im U-Bahn-Schacht
und haben über unseren Test lauthals gelacht!

