____________ Bernd Herrde ____________

Beitrag entnommen aus
»30 Jahre R.G.Fischer Verlag«
Jubiläumsausgabe 2007
R.G.Fischer Verlag
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Rosentraum
Eine letzte karge Rose,
sachte im Dezember,
halb geöffnet
frierend von dem Sommer sang.Knallrot, als dicke Hagebutten,
hingen ihre Schwestern
an demselben Strauch
als der Reife Dank.Doch die Spätgeborne
träumte ihren eignen Traum.
Sie wollte Rose werden
und als solche wollt’ sie sterben,
liebend legte sich um sie
des Frostes eiskalt’ Arm.Als der Winter war gegangen,
blieb von ihrer Blüte
nur ein einzig schwarzes Blatt,
das sanft der Frühlingswind gestreichelt,
bevor auf seinen lauen Flügeln schwebend
er das Blatt zur Erd gebracht.
Morgenrot
Die Morgenröte sprach mich persönlich an,
ich war noch leicht verschlafen,
war ganz in früher Kälte,
als diese Schöne kam,
mit lila Wolken
ward ich von ihr umarmt.
Sie zog über Fluss und Berge
mein Ich so fort
ganz nah an sich heran.
Homo sapiens
In kurzer Hose,
strammer Wade
steht lässig
der moderne Kavalier
und schaut vor der Wohnungshöhle
gönnerhaft
auf sein geliebtes
zartes Tier.
Araneus diadematus
Nach einem sanften Regen
war ein Unsichtbar von Fäden,
ein dahingehauchter
gläserner Damast.In jeder dieser Funkelpünktchen
glänzten kleine Sonnen,
die im Seidenrad sich
zu einer nur vereinten.
Der Zauber war,
fast unsichtbar gehangen,
von einem achtbeinigen »Insekt«.Der Windstoß brachte jähes Ende,
zerrissen hing der Traumeskranz,
es blieben Perlfragmente,
doch schon am nächsten Morgen
war das Kunstgewebe wieder ganz.
Hinausgegangen
Große Häuser rechts und links,
meine Füße gehen die Straße,
kleiner werden die Gebäude,
schmaler wird der Weg.
Langsam laufen Lichter aus,
leises Grau
über feuchten Wiesen schwebt,
näher kommt
des Waldes Dunkel.
Bangend weiter geht mein Schritt
in all die fremden Sprachen,
bis mich umhüllt die Finsternis,
sanft streicheln ihre Zweige.
24. 12.
Eine Autotür ging auf,
vor dem Haus
eine lichtbestückte Fichte,
der Rollstuhl stand bereit,
erwartend Augenleuchten,
es hoben sich zwei Arme,
freudvoll breit,
sie ward herausgehoben,
in den Heilig’ Abend reingeschoben.
Einmal im Jahr
holte man sie heim.
Späte Liebe
Sie war ein Straßenmädchen,
schon als kleines Kind,
ohne Elternwärme,
zog irrend suchend
sie durch die Häuser hin.
Ihr Herz stellte tausend Fragen,
ohne Antwort blieb ihr Leben,
und als sie hob ihr Hemd,
keine Taler fielen,
gefallen war sie selbst.
Als unbemerkt sie starb,
trug ihren Namen in das Weite
der verständnisvolle Wind.
Unvergleichbar
Ein Kind vor hundert Jahren
wünschte sich,
einmal so reich zu werden,
dass es zur Weihnacht
sich am Stollen
satt essen könnt’.
Heut sind verfettet die Gedärme,
neue Armut meilenweit,
fressen kannst du Surrogate,
kalter Regen tropft auf gesüßtes Brot.
Automat
Irgendwann meint jeder,
sein Herz, das schlüge schneller,
als wär’s ein Spieluhrautomat,
der vor seinen letzten Gängen
noch einmal stark erzittert,
bevor er still und stumm
wartet auf die Gabe,
diese Münze, aus der neuen Hand.
Lichtfarbe
Weiß ruht im Abendhell
die neu verputzte Wand vom Haus.
Weiß scheint die Unschuld
in dem Kleid der Braut.
Weißes Gold ist teurer
als das gelbe.
Weiß ist so manche Weste,
damit Dunkles sie verbirgt.
Das wahre Weiß
hat der Schnee,
welcher schon im Fallen schmilzt.
Weiß und rein ist nur
die Stunde der Geburt.
Sonnenstrahl
In manches dunkle Zimmer
kommt oft ein Wanderer herein,
durch staubig Scheiben,
vorbei an den Gardinen,
erhellend Bettes Leiden,
durchleuchtend wahre Liebe,
streichelnd alles Alte
in jedem kleinen Raum.
Wortlos ist sein Scheiden,
Schatten kurz noch bleiben,
sein Gold glänzt neu im Traum.
Verlöschend’ Licht
Geschmolzen war der Tag
vom Licht der Sonne,
das aus purpurrosa Nebel
schimmernd sprach.
Verborgen unter diesem Seidenschleier
zog des Glückes Leiden
stumm ins Finstere dahin.
Mit geschlossenen Augen
küssten sich vieltausend Münder,
wo andre sterbend gingen,
und viele neue Kinder
hat geboren jenes Dunkel
dieser Nacht.
Fee
Das Märchen liegt in allem,
was uns umgibt,
du musst die Fee nur finden,
in tausend kleine Dinge
bist du auf einmal dann verliebt.

